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Männertag

Seit den drei Wochen mit dem Chemiker habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Männern. Sie brauchen nur in meine Richtung zu schauen, und schon sehe ich die Probleme hinter ihren Augen lauern, wie sie sich zu Sprung krümmen, sich auf mich stürzen und mich zu Boden reißen wollen.

Am regnerischen Männertag zum Beispiel gabeln wir Kollegen L. auf. Der Kollege L. ist ein waschechter Brandenburger und äußerst sparsam im Wortverbrauch. Er kauft den Kollegen A. und F. und sich ein Bier, und mir und sich einen Kümmerling. Während wir höflich daran herumnippeln („Wir sind im Dienst, Andreas, versteh das“), geht Kollege L. schnurstracks zum dritten Bier und Kümmerling über und sagt zu mir:
„Gib mir mal deine Hand, meine Kleine.“
Ich, schlagfertig, eloquent und charmant wie ich eben so bin: „Nö.“
Der Kollege L. erzählt mit getragener Stimme ein Anekdötchen und sagt dann: „Ich wette, du kannst nicht Handlesen. Gib mir mal deine linke.“
Ein hartnäckiger Kollege, und gar nicht mal dumm, denn mit Neugierigmachen kriegt man mich immer. Und schon sitze ich in der Falle.

Er reibt an meiner Hand herum und seufzt.
Die Kollegen und ich: „Na, wat denn nu?“
Er reibt und seufzt.
„Du hast so zerrissene Linien.“
„Ja, und?“
Er reibt und seufzt.
Dann schaut er mich mit schwimmenden Augen an. Blassblaue Augen in einem vierzigjährigen, kantigen, leicht geröteten Gesicht.
„Deine Hand ist wie dein Charakter.“
„Wie ist denn mein Charakter?“
„Das wird sich glätten, wenn du älter bist.“

Er reibt meine Hand weiter und schaut mich an und schaut und schaut, der bleierne Brandenburger Himmel reißt auf, und ich sehe: Den Preußen mit den festen Überzeugungen und seiner peniblen Arbeitsweise. Den sturen Harley-Fahrer mit den schmalen Händen, der sich an seinen Markenjacken und Machosprüchen durch die Einsamkeit hangelt. Der sich am Männertag Arm in Arm mit Freund Alkohol durch die Massen der Provinzler schiebt. Das Kinn vorgeschoben wie eine Festung sucht er Anschluss, ohne seinen Schutzschild senken zu wollen. Sind wir nicht alle so, wir alleinen Menschen? Suchen die andere Hälfte, aber wollen in unserer Kugel aus geronnenen Ritualen und Eigenarten kein Eckchen freiräumen?

Am nächsten Tag, in der Kantine, hält sich Kollege L. hinter einer wahrhaft riesigen Sonnenbrille verborgen. Der Brandenburger Himmel ist wieder dicht verhangen.

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